Den meisten Lebensläufen fehlt das Leben

Warum heißt der Lebenslauf eigentlich „Lebenslauf“, wenn die meisten Lebensläufe heute nicht mehr sind als eine maximal auf zwei Seiten reduzierte Dokumentation beruflicher Stationen und Ausbildungszeiten?

Was ich sehe, ist oft blitzsauber und vielfach überoptimiert: lückenlose Zeiten, Zahlen, Daten, Fakten zu den Stationen, Ausbildung, Studium, die obligatorischen IT- und Sprachkenntnisse. Nur einen Menschen bei der Arbeit sehe ich dort nicht. Kein Tagesgeschäft, keine Begegnungen, keine Konflikte, kein Berufs(er)leben.

Vor dem ersten Coaching zu beruflichen Themen bitte ich neue Klientinnen und Klienten, mir ihren Lebenslauf für meine Vorbereitung zu schicken. Ich versuche, mir ein Bild zu machen, doch oft kommt es mir so vor, als lese ich interne Stellenbeschreibungen, Auszüge aus selbst formulierten Arbeitszeugnissen oder schlicht eine chronologisch sortierte Liste von Positionen in mir mitunter unbekannten Unternehmen. Ich sehe die akademische und berufliche Entwicklung vom höchsten Schulabschluss bis heute. Doch ein Gefühl dafür, was jemand in den Jahren erlebt, erfahren, erreicht und womöglich das Leben in schwierigen beruflichen Phasen auch geprägt hat, das habe ich nicht.

Als Leser bekomme ich zu den einzelnen Lebenslauf Stationen hinter Spiegelstrichen nackige Wörter präsentiert, wie etwa:

  • Budgetplanung
  • Kundenakquise
  • Prozessoptimierung

Und hiervon dann gerne den bunten Blumenstrauß. Manche Bewerber sind so schlau, dass sie sich diese Keywords von der KI direkt aus der Stellenausschreibung in den Lebenslauf übernehmen lassen. Für den perfekten technischen Match zwischen Anforderungen und Berufserfahrung, doch für einen menschlichen Leser ohne Kontext blutleer.

Recruiting und Fachbereich sind Deine Leser

Ich frage im Coaching nach und bekomme oft verunsicherte Gesichter als Antwort: „Aber das ist doch klar, was ein ‚Marktmanager Komposit‘ macht – und außerdem steht das doch alles in den Zeugnissen.“ Oder noch leichtgläubiger: „Das kann ich ja dann später alles im Gespräch erzählen“.

Ja klar, wer seinen Job über Jahre gemacht hat, für den ist dies alles normal. Ich, der sogar selbst einmal fünf Jahre bei einer Versicherung angestellt war, habe überhaupt keine Vorstellung von der Rolle und dem Verantwortungsbereich eines Marktmanagers Komposit. Ich lasse es mir erklären und schnell bekomme ich ein klareres Bild, kann diese Position im Unternehmen mit seinen Aufgaben und Schnittstellen einordnen.

Doch diese Erklärung bekommt kein Recruiter beim ersten Blick auf einen Lebenslauf. Besonders in sehr technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen dürften viele eher betriebswirtschaftlich ausgebildete Recruiter zudem weit von den Positionen und Aufgaben des operativen Geschäfts entfernt sein.

Hier höre ich oft den Einwand, dass der Lebenslauf doch vor allem vom Fachbereich verstanden werden müsse – die kennen ja schließlich die ganzen Abkürzungen und Fachbegriffe. Aus meiner Erfahrung ein tragischer Denkfehler, denn versteht ein Recruiter (oder auch das ATS) nur Bahnhof, dann schafft es Dein Dokument je nach internem Recruiting-Prozess womöglich erst gar nicht in den Fachbereich.

Ja, zugegeben, es ist ein schmaler Grat zwischen „Leichte Sprache für HR“ und „Eindruck machen mit Fach-Chinesisch“, doch beide Lesergruppen bei einem Arbeitgeber sollten sich ein gutes Bild machen können und so wenig wie möglich Fragezeichen in ihren Köpfen haben.

Frage Dich selbst, bevor es der Recruiter tut

Zurück zu den Wortfetzen und zu wenig Leben im Lebenslauf. Bleiben wir mal bei der „Budgetplanung“, die mir als Leser vor die Füße geworfen wird. Ich frage nach:

Welches Budget hast Du geplant?

Warst Du verantwortlich oder nur beteiligt?

Was gehörte dort alles zur Budgetplanung dazu?

Wie bist Du hierbei konkret vorgegangen?

Du allein oder gemeinsam mit anderen?

Gab es spezielle Prozesse, Formate, Tools?

Was war das Ergebnis?

Was war Deine Rolle im Entscheidungsprozess?

Und so wird plötzlich eine persönliche Geschichte daraus: Meine Klientin, damals Leiterin Marketing, hat auf Basis der strategischen Vorgaben Ableitungen für ihren Bereich getroffen. Sie hat einen Workshop gemeinsam mit dem Team konzipiert und organisiert, in dem die Ziele und Projekte des nächsten Jahres besprochen und ihre Umsetzung geplant wurden. Hieraus wurden die Personal- und Sachkosten abgeleitet. In der nächsten Runde Abstimmung mit dem Controlling und Rechnungswesen. Es wurde nochmal gekürzt, umgeschichtet, zusätzliche Mittel für externe Beratung eingeplant. Am Ende die Präsentation vor der Geschäftsführung, nochmal ein paar Runden Fine-Tuning und dann die gemeinsame Entscheidung. Dann erinnert sich meine Klientin mit strahlenden Augen auch noch daran, dass sie damals besonders stolz darauf war, eine zusätzliche Stelle für das Content Marketing bei ihrem Chef gegen anfänglichen Widerstand durchgesetzt zu haben.

Genau darum geht es mir hier. Das ist kein einzelnes Wort und auch keine Zeile mehr, sondern es sind vielleicht sogar mehrere Unterpunkte zu einem Thema. Jeder davon zeigt etwas, das ein Stellentitel allein verschweigt: auf welcher Ebene jemand unterwegs war, mit wem am Tisch, welche Schnittstellen es gab. Was jemand konkret in welcher Funktion und mit welcher Verantwortung zu einem Ergebnis beigetragen hat.

So könnte es als Unterpunkt zur Position im Lebenslauf aussehen:

  • Budgetplanung: Ableitung der Personal- und Sachkosten aus den strategischen Jahreszielen, dafür Team-Workshop zur Zieldefinition konzipiert und moderiert, Abstimmungsrunden mit Controlling und Rechnungswesen, Präsentation und Verhandlung des finalen Budgets mit der Geschäftsführung, zusätzliche Stelle für Content-Marketing durchgesetzt.

Mal angenommen, Du bist die Führungskraft, die eine Stelle in ihrem Team zu besetzen hat. Du liest in einem Lebenslauf nur „Budgetplanung“ und in einem anderen die ausführlichere Variante. Wem würdest Du die Budgetplanung in Deinem Bereich eher zutrauen?

Der Arbeitgeber verdient sein eigenes Bühnenbild

Nicht nur die eigene Rolle, auch das Unternehmen dahinter bleibt in vielen Lebensläufen Kulisse ohne Inhalt. Ich lese den Lebenslauf eines Ingenieurs im technischen Vertrieb. Der Name des Arbeitgebers klingt nach einem Produktionsbetrieb, eher klein bis mittelständisch, vielleicht auch ein Familienbetrieb. Begegnet ist mir der Firmenname noch nie.

Über die Unterpunkte erfahre ich, dass er bei Kunden vor Ort ist und dessen Bedarfe klärt. „Kundenprojekte“ lese ich häufig. Es geht wohl viel um Abstimmung, Planung, Angebotserstellung. Intern scheint er auch etwas mit der Produktentwicklung zu tun zu haben. Und es gibt Abstimmungen mit Marketing und IT.

Welche Produkte dieses Unternehmen herstellt und er bei welchen Kunden vertreibt, bleibt völlig unerwähnt. Ich hätte die Zeit, Google oder die KI zu fragen, doch welcher Recruiter täte dies? Besonders wichtig ist dieser Aspekt in solchen Jobs, in denen die Branche oder das Produkt unmittelbar mit der Tätigkeit verknüpft sind.

Ein 3-Zeiler pro Arbeitgeber, vielleicht kursiv direkt unter dem Firmennamen, schließt diese Lücke: Geschäftszweck, Produkte, eventuell noch Mitarbeiterzahl oder Standorte. Auch das gehört für mich zu Leben im Lebenslauf dazu. Habe ich keine Vorstellung vom Unternehmen und dessen Produkten, fehlt mir der gesamte Kontext zu einer Position.

So könnte eine Station im Lebenslauf aussehen:

Musterwerk GmbH & Co. KG, Hintertupfingen
Inhabergeführter Zulieferer für Präzisionsbauteile aus Edelstahl, 340 Mitarbeitende an zwei Standorten in Deutschland. Kunden aus dem Maschinenbau und der Medizintechnik. Fertigung mit eigenem Werkzeugbau und angeschlossener Oberflächentechnik.

01/2019 – 08/2026 | Leiter Werkzeugbau

Wie Du die Unterpunkte zu jeder Deiner Stationen mit Leben füllst, erfährst Du jetzt in den zehn Beispielen.

10 Beispiele für mehr Leben in Deinem Lebenslauf

Ein kurzer Einschub, bevor es losgeht: Verschwiegenheitspflichten gegenüber ehemaligen Arbeitgebern gelten natürlich weiter. Kundennamen, exakte Umsatzzahlen, interne Kennzahlen gehören nicht in einen Lebenslauf, sofern diese nicht anders öffentlich zugänglich sind. Kein Widerspruch zu allem hier – Substanz zeigt sich auch ohne Geheimnisverrat: Größenordnung, Art der Zusammenarbeit, eigene Rolle, das lässt sich erzählen, ohne dass ein Compliance-Team nervös wird.

Kundenakquise

Vorher: Kundenakquise Süd

Fragen im Kopf: Wie werden potenzielle Kunden identifiziert, wer ist intern beteiligt, wie läuft der Weg vom ersten Kontakt bis zum Abschluss?

Nachher: Verantwortlich für die Neukundengewinnung im süddeutschen Raum, eigenständige Marktrecherche und Priorisierung potenzieller Kunden, Konzeption und Durchführung von Workshops zur Bedarfsanalyse beim Kunden, Führung der Vertragsverhandlungen bis zum Abschluss.

Personalverantwortung

Vorher: Personalverantwortung für 12 Mitarbeitende

Fragen im Kopf: Wie sah die Führungsrolle im Alltag aus, gab es Konflikte im Team, wie wurde eingestellt und entwickelt?

Nachher: Führung eines zwölfköpfigen altersgemischten Teams, Entwicklungsgespräche, Verantwortung für Einstellungsgespräche und Onboarding – dazu die Vermittlerrolle in einem länger schwelenden Teamkonflikt, der einvernehmlich gelöst wurde.

Projektleitung

Vorher: Projektleitung Anlagenbau, Budget 2,4 Mio. Euro

Fragen im Kopf: Was für eine Anlage, für welchen Zweck, wie groß und wie gemischt das Team, welche Schnittstellen zum Kunden, welche Krise unterwegs gelöst?

Nachher: Leitung des Neubaus einer vollautomatisierten Verpackungslinie für einen Lebensmittelhersteller, Budget 2,4 Mio. Euro, Laufzeit zwei Jahre. Interdisziplinäres, achtköpfiges Team aus Konstruktion, Automatisierungstechnik und Montage, laufende Abstimmung mit Anlagenlieferanten aus drei Ländern sowie monatliches Reporting direkt an den Werkleiter des Kunden.

Prozessoptimierung

Vorher: Prozessoptimierung im Bereich Auftragsabwicklung

Fragen im Kopf: Wer hat mitgearbeitet, wie wurde der Ist-Zustand erhoben, gab es Widerstand im Team – und wie wurde er überwunden?

Nachher: Ist-Analyse mit Interviews in drei Abteilungen, gegen anfängliche Skepsis im Team ein neues Prozessmodell entwickelt und in mehreren Workshops zur Praxisreife gebracht – die Durchlaufzeit spürbar verkürzt.

Qualitätssicherung / Reklamationsmanagement

Vorher: Reklamationsmanagement und Qualitätssicherung

Fragen im Kopf: Für welche Produkte und Kunden, wie wird die Ursache typischerweise gefunden, wer ist regelmäßig beteiligt?

Nachher: Erste Ansprechperson für Kundenreklamationen bei Präzisionsbauteilen, Ursachenanalysen nach der 8D-Methodik in Abstimmung mit Produktion und Entwicklung, dazu regelmäßige Vor-Ort-Termine beim Kunden zur Klärung von Sofortmaßnahmen und Nacharbeit.

Change-Management

Vorher: Change-Management bei Software-Einführung

Fragen im Kopf: Welche Systeme, wer ist betroffen, wie wird mit Widerstand umgegangen?

Nachher: Als Projektleiterin verantwortlich für die Einführung neuer Vertriebs- und CRM-Systeme, Entwicklung von Kommunikationskonzepten für die betroffenen Teams, regelmäßige Einzelgespräche mit Führungskräften zur frühzeitigen Klärung von Widerständen, Planung und Begleitung des jeweiligen Go-live.

Reporting

Vorher: Reporting an die Geschäftsführung

Fragen im Kopf: Welche Zahlen, in welchem Rhythmus, mit welcher Wirkung?

Nachher: Eigenständige Pflege und Weiterentwicklung eines Kennzahlen-Dashboards für die Geschäftsführung, monatliche Aufbereitung als Grundlage für die GF-Sitzungen, regelmäßige Ableitung von Handlungsempfehlungen zu Vertrieb und Ressourcenplanung.

M&A-Projekt / Due Diligence

Vorher: Mitwirkung bei M&A-Projekt / Due Diligence

Fragen im Kopf: Welche Rolle im Team, mit welchen externen Partnern, welche Phase des Deals?

Nachher: Als fachlich Verantwortliche für die Finanzanalyse Teil des Due-Diligence-Teams bei der Übernahme eines Wettbewerbers, mit Wirtschaftsprüfern und Anwälten die kritischen Risikopunkte identifiziert, die die Kaufpreisverhandlung maßgeblich beeinflussten.

Inbetriebnahme

Vorher: Inbetriebnahme von Produktionsanlagen

Fragen im Kopf: Vor Ort oder remote, in welchen Ländern typischerweise, welche Art von Problemen kommt unterwegs vor?

Nachher: Als verantwortlicher Ingenieur regelmäßig mehrwöchige Inbetriebnahmen bei internationalen Kunden, unter anderem in Polen und Tschechien, eigenständige Lösung von Schnittstellenproblemen zwischen Steuerung und Fremdkomponenten vor Ort, Verantwortung für die termingerechte Übergabe an den Kunden.

Digitalisierung

Vorher: Digitalisierung interner Prozesse

Fragen im Kopf: Welche Prozesse konkret, wer war fachlich und technisch beteiligt, wie wurde die Akzeptanz im Team sichergestellt?

Nachher: Verantwortlich für die schrittweise Digitalisierung papierbasierter Abläufe in der Auftragsabwicklung, Auswahl und Einführung einer Workflow-Software gemeinsam mit der IT-Abteilung, Pilotphase mit einem einzelnen Team vor dem unternehmensweiten Rollout, dadurch frühzeitiges Feedback eingearbeitet statt am Bedarf vorbeigeplant.

„Aber es muss doch auf zwei Seiten passen“

Ich kenne den Einwand aus vielen Coachings: „Dann wird mein Lebenslauf doch viel zu lang.“ Die 2-Seiten-Grenze hält sich weiterhin hartnäckig in den Bewerbungsratgebern. Manche Bewerber, insbesondere ältere, beichten mir, dass ihr Lebenslauf früher schon einmal länger war, sie ihn jedoch jetzt auf zwei Seiten gekürzt haben. Und dann sei es ja klar, dass die Unterpunkte nur kurz und knapp sein können. Wer dazu die fertige, typisch zweispaltige Designvorlage nutzt, hat noch weniger Raum für die Beschreibung der Stationen, geschweige denn die Informationen zu den Arbeitgebern.

Meine über die Jahre erfolgreich erprobte Faustformel für die Länge eines Lebenslaufs: Die erste Ziffer deines Alters ist die Anzahl der Seiten. Wer also zum Beispiel über fünfzig ist, darf sich je nach bewegtem Berufsleben auch fünf Seiten gönnen. Das ist keine Lizenz zur Geschwätzigkeit, sondern die logische Folge eines längeren Berufslebens: Mehr Stationen, mehr Geschichten.

Es ist aus meiner Praxiserfahrung sehr eindeutig, dass die Anzahl der Einladungen mit der Aussagekraft eines Lebenslaufs positiv korreliert. Nochmal zur Sicherheit: Es geht nicht um maximal viel Text, ausschweifende Laberei, möglichst viele Fachbegriffe, dutzende Wiederholungen über die gleichen Jobs bei wechselnden Arbeitgebern. Es geht um das gute Bild und damit um mehr Sicherheit für Arbeitgeber bei ihrer ersten Auswahlentscheidung.

Erst diese Länge macht es möglich, einzelne Stationen so zu beschreiben, dass ein Leser sich ein echtes Bild machen und den Menschen dahinter erkennen kann. Die aktuellen und letzten Stationen dürfen ausführlicher erzählt werden, die ersten Gehversuche vor zwanzig Jahren benötigen weniger Raum. Relevanz vor Vollständigkeit – nicht die lückenlose Nacherzählung eines ganzen Berufslebens.

„Aber Personaler nehmen sich doch nur wenige Sekunden“

Ja, auch diesen Einwand höre ich häufig, wenn wir über die Ausführlichkeit eines guten Lebenslaufs sprechen. Es geistern verschiedene Studien und Angaben im Netz, wie lange sich Personaler Zeit nehmen (oder besser nicht nehmen), um einen Lebenslauf zu lesen. In dieser Eye-Tracking-Studie sind es sechs Sekunden.

Das klingt erst einmal wie das Ende jeder Ausführlichkeit – ist es jedoch nicht, denn hier steckt ein Denkfehler bei vielen Bewerberinnen und Bewerbern. Diese kurze Zeit sagt nur aus, wie schnell sich ein Personaler ein erstes Bild macht und entscheidet, tiefer in einen Lebenslauf einzusteigen. Das ist etwas völlig anderes als die Zeit, die investiert wird, sobald diese erste Hürde genommen ist. Die Entscheidungsdauer für Ja oder Nein ist kurz, doch über die tatsächliche Lesezeit für einen guten, interessanten Lebenslauf sagt dies nichts aus.

Auch hier ist meine Erfahrung aus der Rückmeldung von Klienten sowie auch Personalern sehr klar: Je leichter die berufliche Vergangenheit zu erfassen, zu verstehen und auf eine Zielposition zu übertragen ist, umso besser. Dann wird auch ein fünf Seiten langer, gut strukturierter Lebenslauf gelesen.

Keywords von der KI, das Leben von Dir

Ich habe oben schon das Thema KI angesprochen, es verdient aber noch mehr Raum. Denn ich weiß, dass viele Bewerber ihre Unterlagen heute mithilfe der KI erstellen oder optimieren lassen. Die reine Erstellung ohne menschliches Hirn finde ich kritisch, die KI als Sparringspartner oder Analyse-Tool ist sehr sinnvoll. Die KI ist beispielsweise gut darin, Stellenausschreibungen zu analysieren und für die im Recruiting gängigen CV-Parser oder ATS-Systeme wichtigen Keywords für ein Matching zu identifizieren. Solche Keywords dann an inhaltlich passenden Stellen in den Lebenslauf zu integrieren, ist klug.

Doch Dein Lebenslauf-PDF sollte nicht nur dem Bewerbermanagement-System gefallen, sondern auch einem (menschlichen) Leser. Das ist der Teil, um den es mir hier in diesem Beitrag geht – und Du ins Spiel kommst. Die KI kann nicht wissen, wie Du Dich bei der Präsentation der Geschäftszahlen vor der Geschäftsführung gefühlt hast. Oder der wichtigen Verhandlung mit einem Kunden, dem Konflikt im Team oder dem erfolgreich abgeschlossenen Projekt. Hieran kannst nur Du Dich erinnern und damit echtes Leben in Deinen Lebenslauf bringen.

Fazit

Ein ausgebauter, mit Leben gefüllter Lebenslauf führt in meiner Praxis immer zu einer höheren Einladungsquote. Kein Wunder: Wer ein klares Bild vor Augen hat, kann sich auch leichter vorstellen, wie diese Person im eigenen Unternehmen arbeitet, mitredet, mitgestaltet.

Bleibt die Frage vom Anfang: Warum heißt der Lebenslauf eigentlich Lebenslauf? Bei den meisten, die mir auf den Tisch kommen, wäre „Tätigkeitsnachweis“ ehrlicher. Dabei ist der Weg vom einen zum anderen gar nicht weit – ein paar ehrliche Fragen an Dich selbst, etwas Zeit zur Erinnerung an frühere Zeiten und die Erlaubnis für mehr Ausführlichkeit.

Schreib also nicht nur auf, was Du gemacht hast. Erzähl, was Du erlebt hast. Dann entsteht am Ende tatsächlich Leben in Deinem Lebenslauf – und nicht nur eine Liste abgehakter Aufgaben.

(Titelbild KI generiert)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriereberater und Bewerbungscoach und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Seit 2011 habe ich über 2.500 Angestellte bei ihrem nächsten Schritt im Beruf sowie im Bewerbungsprozess begleitet - über alle Hierarchieebenen und Branchen hinweg - online oder in meinem Kölner Büro. Meine Erfahrungen teile ich hier im Blog, in meiner SPIEGEL-Kolumne sowie als Karriere-Experte in Print-, Radio- und TV-Beiträgen.

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